10. September 2026

Die Zukunft der Supply Chain ist vernetzt

Informationsaustausch als Schlüssel zum Erfolg

von Tamer Abdulghani, Herwig Winkler

Lesen Sie:

  • welche Rolle der Informationsaustausch für den Erfolg von Supply-Chain-Kollaborationen spielt
  • durch welche Faktoren die Effektivität des Informationsaustauschs in Supply-Chain-Kollaborationen beeinflusst wird

Die heutigen globalen Supply Chains sind gefordert, ihre Prozesse schneller, transparenter und resilienter zu gestalten. Dafür ist ein effizienter Informationsaustausch zwischen allen Beteiligten, von Lieferanten über Logistikdienstleister bis hin zu Kunden, entscheidend. In diesem Beitrag wird der Informationsaustausch innerhalb einer Supply Chain in der Konsumgüterindustrie (FMCG) untersucht und dessen Bedeutung für Effizienz und Resilienz verdeutlicht. Dabei übernehmen digitale Lösungen wie ERP-Systeme eine Schlüsselrolle. Sie integrieren Daten aus verschiedenen Unternehmensbereichen, ermöglichen den Aufbau eines zentralen Informationssystems und bieten die Möglichkeit, Prozessabläufe innerhalb der ganzen Supply Chain in Echtzeit zu überwachen. Der Austausch von Informationen zwischen vernetzten Unternehmen über digitale Plattformen ermöglicht eine frühzeitige Erkennung von Engpässen und trägt zur besseren Entscheidungsfindung bei. Damit entwickelt sich die vernetzte Supply Chain zu einem wesentlichen Erfolgsfaktor in Zeiten der Digitalisierung.

Das effektive Management von Supply Chains spielt eine entscheidende Rolle für erfolgreiche Wettbewerbsstrategien [1]. Allerdings stehen Unternehmen weiterhin vor signifikanten Herausforderungen, die auf mangelnde Informationsqualität und unzureichende Transparenz zurückzuführen sind. Ein zentrales Problem im Supply Chain Management ist der Bullwhip-Effekt, der sich durch eine Verstärkung von Schwankungen in der Nachfrage auszeichnet, sobald diese vom Einzelhändler zum Hersteller weitergegeben werden [2, 3]. Diese Intransparenz resultiert häufig in Überbeständen, schlechtem Kundenservice und ungenauen Produktprognosen, da jedes Mitglied in der Regel über ein dezentrales System verfügt, um seine eigene Prognoseunterstützung zu gewährleisten.

Darüber hinaus zeigen traditionelle Ansätze bei der Lieferantenauswahl und der Auftragsvergabe häufig eine Präferenz für „divide and conquer”-Strategien, denen eine ganzheitliche Integration fehlt [4]. Dies resultiert in lokal suboptimalen Lösungen für die gesamte Supply Chain anstelle global optimaler Lösungen.

Der Einsatz digitaler Technologien, insbesondere ERP-Systeme, dient als signifikante Infrastruktur zur Bewältigung dieser Koordinationsprobleme durch die Inte-gration traditioneller Geschäftsfunktionen wie Vertrieb, Produktion und Bestandsmanagement in einer zen-tralen Datenbank [1,5]. Im Gegensatz zu traditionellen ERP-Systemen, deren Fokus auf der Integration interner Prozesse lag, haben sich diese Systeme mittlerweile zu einem „backbone” der organisationsübergreifenden Koordination entwickelt und ermöglichen es Partnern, in Echtzeit auf Liefer- und Rechnungsdaten zuzugreifen [4,6].

Vor diesem Hintergrund untersucht dieser Artikel die folgende Forschungsfrage:

  • Welche Rolle spielt der Informationsaustausch für den Erfolg von Supply-Chain-Kollaborationen und durch welche Faktoren wird seine Effektivität beeinflusst?
  • Informationsaustausch in der Supply Chain

Das Konzept des „Supply Chain Information Sharing” bezeichnet die Generierung und den Echtzeit-Austausch von Informationen innerhalb der Supply Chain von Herstellern über Lieferanten bis hin zu Kunden, mit dem Ziel, Engpässe zu identifizieren und zu beseitigen [1]. Eine empirische Untersuchung gelangt zu dem Schluss, dass der Austausch von Informationen signifikante Vorteile mit sich bringt. Dazu zählen beispielsweise finanzielle Einsparungen (bis zu 9,7 % der Gesamtkosten) und eine verbesserte Prognosegenauigkeit [2, 3]. Die ausgetauschten Informationen lassen sich in der Regel in fünf Hauptkategorien einteilen [7]. Hierzu zählen unter anderem Lagerbestände, Verkaufsdaten, der Auftragsstatus zur Nachverfolgung, Umsatzprognosen und Produktionslieferungen.

Die Qualität und Form des Informationsaustausches werden in der Regel durch die jeweiligen geschäftlichen Rahmenbedingungen determiniert [5]. Unter einfachen Rahmenbedingungen (Standardprodukte, make-to-stock) beschränkt sich der Austausch in der Regel ausschließlich auf den Lagerbestand. Demgegenüber machen komplexe Rahmenbedingungen (kundenspezifische Produkte, engineer-to-order) einen umfangreichen Informationsaustausch hinsichtlich Produktspezifikationen, Materialverfügbarkeit und Kapazitäten erforderlich.

Eine Reihe von theoretischen Rahmenkonzepten befasst sich mit dem Thema des Informationsaustauschs. Zu diesen zählen beispielsweise „Organizational Information Processing Theory”, „Resource-Based View”, „Relational View” und „Social Exchange Theory”. Die Zielsetzung dieser Konzepte besteht darin, den effektiven Informationsaustausch zwischen Organisationen zu erklären und dessen Einfluss auf die Zusammenarbeit, die Leistung und den Wettbewerbsvorteil zu beleuchten.

Drei Perspektiven auf eine Supply Chain

Zur Beantwortung der Forschungsfrage basiert die Studie auf einem qualitativen, integrierten Einzelfall-Studien-Design [8], an dem drei zentrale Akteure der Supply Chain von FMCG beteiligt sind. Der Lieferant, ein deutscher Getränkehersteller, betreibt die Beschaffung von Obst bei lokalen landwirtschaftlichen Betrieben und produziert Säfte und Erfrischungsgetränke [9]. Ein großer deutscher Logistikdienstleister realisiert Transport und Lagerhaltung unter Einsatz digitaler Technologien und nachhaltiger Logistikkonzepte. Ein europäischer Einzelhändler mit Hauptsitz in Deutschland verteilt die Produkte über zentralisierte Distributionszentren und moderne digitale Systeme. Dieser Ansatz ermöglicht die detaillierte Analyse der Informationsflüsse und der Dynamik der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen funktionalen Rollen innerhalb der Supply Chain. Die Erhebung der Primärdaten erfolgte mittels semi-strukturierter Interviews sowie der Analyse der Organisationsabläufe. Diese Vorgehensweise ermöglichte eine umfassende Untersuchung der Praktiken, Herausforderungen und technologischen Anwendungen in der Praxis.

Erfolgsfaktoren des Informationsaustauschs in kollaborativen Lieferketten

Die Ergebnisse der Untersuchung demonstrieren, dass der Informationsaustausch im Kontext der Zusammenarbeit in der Supply Chain durch eine Kombination diverser Faktoren beeinflusst wird, darunter zwischenmenschliche, organisatorische, technologische, finanzielle und regulatorische Rahmenbedingungen. Vertrauen bildet die entscheidende Grundlage für den Austausch von operativen und strategischen Informationen zwischen Unternehmen, wobei die Förderung von Transparenz und kontinuierlicher Kommunikation den kooperativen Beziehungen zusätzliche Stärke verleiht. Allerdings wird die Bereitschaft zum Informationsaustausch auch von den menschlichen Fähigkeiten geprägt, da die digitalen Kompetenzen, die Expertise und das Bewusstsein der Mitarbeitenden für Cybersicherheitspraktiken einen direkten Einfluss auf die Qualität, Präzision und Vertraulichkeit der weitergegebenen Informationen aufweisen. Diese Erkenntnisse stützen die Ansicht, dass ein erfolgreicher Informationsaustausch nicht nur vom Engagement des Unternehmens, sondern auch von den Kompetenzen der an den Supply-Chain-Aktivitäten beteiligten Personen abhängt.

Autorenfoto Dr. Tamer Abdulghani

Dr. Tamer Abdulghani, MBA, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Produktionswirtschaft der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU).

Dr. Tamer Abdulghani
Brandenburgische Technische
Universität Cottbus-Senftenberg (BTU),
Lehrstuhl für Produktionswirtschaft
Konrad-Wachsmann-Allee 13, 03046 Cottbus
E-Mail: Tamer.abdulghani@b-tu.de
www.b-tu.de/fg-produktionswirtschaft/page

Autorenfoto Prof. Dr. Winkler

Prof. Dr. Herwig Winkler ist Inhaber des Lehrstuhls für Produktionswirtschaft an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU).